Cancel-Kultur, oder – Wir sollten mal mehr miteinander reden.

Ich bin, anscheinend, ein Einhorn unter den politisch Aktiven. Ich definiere mich selbst als Links-Konservativ, mit einer einzigartigen Eigenschaft, so scheint es: Reden. Reden löst so viele Probleme, die wir nur haben, weil wir lieber blocken, denunzieren und lächerlich machen. Reden, Diskutieren und Kompromisse schließen ändert unsere Weltsicht und auch die unserer Diskussionspartner.

In letzter Zeit sehe ich das leider immer häufiger – Zentralisierte Blocklisten, das aufmerksamkeitsheischende Betroffensein, und stetige Häme über Menschen mit anderen politischen oder persönlichen Ansichten. Alles davon trägt zum derzeitigen Sozialen Klima bei. Es wird kälter untereinander, weil niemand mehr miteinander redet. Man darf nicht mehr mit anderen reden, ohne einem Stigma anheim zu fallen. Sprich und Diskutiere mit AfD-Wählern, selbst wenn es nur dazu dient, ihre Motivation und Gründe rauszufinden? Du wirst sofort zum Nazi. Dabei ist genau DAS das Problem.

Menschen sind Kämpfernaturen. Wir gehen gegen Dinge an, in denen wir uns Ungerecht behandelt fühlen. Selbst wenn manche Ansichten in Euren Augen falsch sein mögen, so valide sind sie mit Menschen anderer Ansichten. Das Blocken und Verweigern jeglicher Teilnahme am Sozialen Leben mit anderen erweckt den Instinkt der „ungerechten Behandlung“. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, mit Menschen anderer Meinungen zu sprechen, zu Diskutieren und vielleicht sogar Kompromisse zu schließen. Sie auszuschließen aus dem Gesellschaftlichen Diskurs sorgt dafür, dass sich Parallelgesellschaften bilden, heute auch Filterblasen genannt. Diese Filterblasen sind gefährlich, für jedes Politische Spektrum, für jeden Glauben.

Filterblasen brachten uns die Masern zurück, eine fast Ausgerottete Krankheit, die im Erwachsenenalter tödlich enden kann. Ich wäre nicht verwundert, wenn wir bald wieder Poliofälle sehen, weil die Herdenimmunität langsam abnimmt durch Menschen, die eben in ihrer Filterblase sich ständig gegenseitig bestätigen. Das Gleiche kann man, im Falle der Filterblase, auch von Linksextremen, ANTIFA-Mitgliedern, Rechtsextremen, Partei-Wählern und, unter anderem auch CDU-Politikern sagen. Die meisten Personen innerhalb dieser Bevölkerungsgruppen sitzen in ihrer eigenen schönen Filterblase und sehen sich Tagein, Tagaus in ihrem Handeln bestätigt.

Persönlich weiß ich, dass ein Herausbrechen aus diesen Strukturen ein Segen ist. Ich nutze jede Chance, meine eigene Filterblase herauszufordern und habe Freundschaften geschlossen mit Menschen, die diametral Opposit zu meinen Meinungen stehen. Und genau deswegen schmerzt es mich um so mehr, so etwas wie dieses hier zu sehen:

Retweetet keine Nazis.
Reagiert nicht auf ihre Kommentare.
Alles, was sie möchten, ist Aufmerksamkeit. Gebt ihnen keine Aufmerksamkeit.
Blocken, stummschalten. Danke.— Ralph Ruthe (@ralphruthe) 23 April 2019

Retweetet sie zwar nicht, Aber: reagiert auf ihre Kommentare. Gebt ihnen Aufmerksamkeit. Sprecht mit Ihnen. Diskutiert. Aber um Himmels Willen – Schließt sie nicht einfach aus und macht eure Probleme damit nicht schlimmer. Denn „Wird irgendwann schon weggehen“ hat noch nie funktioniert.